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Ehrlich gesagt bin ich wütend. Und ich gebe meiner Wut jetzt hier ihren Auftritt. Irgendwie habe ich geglaubt, dass sich in den letzten 30 Jahren in männerdominierten Branchen etwas verändert hätte. Dass der Mann heute nicht mehr herabwürdigend mit Frauen, vor allem mit jungen weiblichen Wesen, umgehen würde. Dass es mittlerweile möglich ist, sich respektvoll und auf Augenhöhe zu begegnen.

Beginnen wir von vorne

Vor 28 Jahren habe ich mich selbstständig gemacht und war sehr schnell sehr erfolgreich. Groß geworden bin ich im Networkmarketing. Damals noch an der Seite meines Exmannes waren die Rollen, vor allem für die Außenwelt, rasch verteilt. Ich, 24 Jahre jung, hübsch, erfolgreich, weiblich wurde in der Öffentlichkeit als die gute Frau neben meinem Mann wahrgenommen, nicht als Businesslady.

Anzügliche oder abwertende  Bemerkungen in Meetings auf Führungsebene waren “normal.” Die meisten Frauen haben sich dazu gar nicht geäußert, ihre Partner ebenso wenig. Ich hingegen habe schon immer gekämpft, für andere Frauen und für mich selbst. Mein Exmann hat sich ebenfalls nicht zu Wort gemeldet, sondern wie die anderen auch die Situation einfach angenommen. So hieß es dann unter anderem, die Frauen könnten sich um die Produkte kümmern und die Männer machen Business. Aufgemuckt hat da keiner, wenn der Oberboss gesprochen hat.

Meine erste Erfahrung mit sexueller Belästigung

Die gab es schon als Teenager, das soll aber hier kein Thema sein, in meinem Buch* schreibe ich mehr darüber. In meinem beruflichen Alltag erlebte ich meine erste sexuelle Belästigung auf einer sogenannten Top-10-Party. Die 10 besten Führungskräfte waren geladen und es gab neben viel und gutem Essen auch viel Alkohol. Das lockerte dann das männliche Gehirn nochmals enorm.

Im Laufe des Abends nahm mich der Oberboss zur Seite und sagte mir: „Dich kriege ich auch noch ins Bett.” Mein Exmann und ich waren das erste Mal bei einem solchen Meeting mit anschließender Party dabei und dementsprechend ehrfürchtig. Meine Achtung und mein Respekt hatten sich ob des rüden Tons bereits während des Meetings dezent zurückgezogen. Nach diesem völlig hemmungslosen wörtlichen Übergriff war davon nicht mehr viel übrig.

Im Laufe der Jahre habe ich dann gelernt mit dem männlichen Ego umzugehen und mir Respekt verschafft. Das mag sich jetzt sehr einfach lesen und ist stark verkürzt, aber es war tatsächlich eine Achterbahnfahrt. Eine ewige Auseinandersetzung mit meinem Minderwert, seinen Kollegen den Selbstzweifelmonstern, der Ich-bin-nicht-gut-genug-Frau, das alles in meinem Kopf und alles auf Kosten meines Selbstwerts.

Eine lange Geschichte. Heute mit 52 Jahren, geschieden, noch immer attraktiv, erfolgreich, weiblich, sehe ich noch immer Frauen, die sich nicht trauen, hart zu verhandeln. Männer, die ihnen zusetzen und andere Frauen, die entweder weggucken oder ins gleiche Horn blasen.

Sprechen wir über meine Wut

Neben meinem Blog-Magazin bin ich die Managerin meiner Tochter. Sie ist mit 23 Jahren jung, schön, erfolgreich und weiblich und ganz offensichtlich auch heute noch eine Provokation für das reife männliche Ego. Als Vorbereitung auf eine Kooperation mit einem Großkonzern gab es einen Termin, den meine Tochter alleine wahrnahm.

Dies war anscheinend eine Aufforderung an das reife männliche Ego, ihr von oben herab zu begegnen. Aufgeplustert und unangenehm aufdringlich versuchte man(n) sie auszufragen, in Verlegenheit zu bringen und zu verunsichern. Zwei Herren mittleren Alters, die sich nicht zu schade waren, eine junge Frau herabzusetzen. Sie unter Druck zu setzen und die Situation auszunutzen. Völlig irritiert und schüchtern rief sie mich unmittelbar nach dem Termin an und fühlte sich überfordert mit dieser hässlichen Situation.

Das machte mich wütend.

Was hat sich wirklich bis heute verändert? Wo stehen wir als Frau und warum ist für so viele Menschen Feminismus heute noch immer ein böses Wort?

Meine Definition von Feminismus

Vergessen wir mal das ganze Alice-Schwarzer-Thema, all den Männerhass, der mit diesem verbunden wird und schauen, was es damit wirklich auf sich hat. Feminismus ist Gleichberechtigung auf allen Ebenen.

Mit Gleichmacherei hat das gar nichts zu tun! Es geht vielmehr darum, dass wir Chancengleichheit und Gerechtigkeit unabhängig vom Geschlecht erschaffen. Ergänzen könnte ich hier noch: Unabhängig von deiner Hautfarbe, deiner Sexualtität, deiner Religion, deines Alters …

Denn da hab ich leicht reden. Ich bin in einer weißen, heterosexuellen, deutschen Familie aufgewachsen. Allerdings in einer Zeit (Jahrgang 1966) in der die Gleichstellung von Mann und Frau noch weit von dem weg war, was wir heute leben dürfen. Also noch schlimmer.

Ich bin deiner Meinung, wenn du jetzt denkst: „ Aber Deutschland ist doch schon recht weit, was das angeht.” Wie weit wir wirklich sind, erfahren wir alle im täglichen Leben. Wir brauchen einen gesunden, offenen, toleranten Feminismus, der ein gemeinsames Ziel verfolgt. Ich will mich nicht rechtfertigen müssen. Nicht vor Männern und auch nicht vor anderen Frauen.

Plädoyer für toleranten Feminismus

Ich will kochen und backen, gerne für meine Familie sorgen, sie verwöhnen, gebären und nähren. Oder es nicht tun, weil ich einen anderen Plan vom Leben habe. Bei meinen Kindern bleiben können, bis ich bereit bin, sie in  die Kita zu entlassen. Sie mit Liebe überschütten, mit ihnen noch einmal Kind sein. Lieben wen ich will, wann ich will und wie oft ich will. Ich will mir meine Haare abschneiden, wieder wachsen lassen und blond, schwarz oder lila färben. Mich in meinem Job austoben und ganz Businesslady sein. Mit Kindern oder ohne. Mit Partner oder ohne.

Mich darauf freuen irgendwann Oma zu sein und mit den Kleinen Kinderlieder singen und ihnen die Natur zeigen. Ich will in rosa Bettwäsche schlafen und bei Liebesfilmen weinen oder schmachten. Männer sexy finden dürfen, auch wenn sie viel jünger sind als ich. Hart verhandeln und dabei liebevoll mit Achtung und Respekt für mein Gegenüber kommunizieren. Gleiche Bezahlung, bei gleicher Position und Leistung. Selbst die Bohrmaschine benutzen und mir gerne die Tür öffnen lassen, damit ich aus dem Auto aussteigen kann oder als erstes in einen Raum eintreten darf.

Ich will meine Weiblichkeit mit all ihren Aspekten leben und auf die Barrikaden gehen, wenn mir Ungerechtigkeit begegnet. Mich für andere Frauen einsetzen, was nicht gleichbedeutend damit ist, dass ich Männer nicht respektiere oder gar ablehne oder hasse. Ich will offen, laut und immer meine Meinung sagen können. Ich bin eine Frau und das finde ich wundervoll.

Ich plädiere für einen Feminismus, der unbequem ist aber nicht militant. Der laut ist. Respektvoll. Sanft, aber klar und deutlich.

Warum wir davon noch weit weg sind

(ein unvollständiger Erklärungsversuch)

Weil die Frau zum Beispiel einen weit geringeren sprachlichen Status hat als der Mann.

Keine Panik, ich habe meinen Frieden mit dem generischen Maskulinum gemacht. Mein Buch Für dich einstehen, steht dir gut* habe ich jedoch komplett in der weiblichen Form geschrieben, weil ich mich als Frau an Frauen wende. Luise F. Pusch greift das Thema in ihrem Buch Das Deutsche als Männersprache* auf und in einem kleinen Video sagt sie so wundervolle Dinge wie: „Wenn in einem Raum mit 99 Sängerinnen ein Mann hinzukommt, dann spricht man von 100 Sängern.“

Wie schön wäre es, wenn wir alle ein bisschen sensibler und bewusster für unseren gewohnten Sprachgebrauch werden würden. Dazu gehört auch, dass wir solche Ausdrucksformen wie „das ist doch behindert” aus unserem Wortschatz streichen, welche, vor allem bei den jungen Leuten ein gängiger Ausdruck für „das ist doch dumm“ ist.

Somit werden Menschen mit Behinderungen als dumm beschrieben. Wir denken häufig nicht über solche Äußerungen nach, sollten wir aber.

Es gibt keinen positiven Ausdruck für eine Frau, die ihre Sexualität auslebt. Ein Mann ist ein Hengst und die Frau eine Hure. Als Frauen lernen wir früh, dass es nicht okay ist, sich sexuell auszutoben. Gesucht werden dann wohl Jungfrauen mit Erfahrungen. Aber bitte nicht selbstbefriedigen. Auch das ist ein Tabuthema.

Weil wir von Selbstbestimmung nicht wirklich sprechen können

Die Diskussion um den §219a hat zwar eine neue Gesetzesfassung gebracht, aber Ärzt*innen dürfen auch nach der Reform des Paragraphen lediglich darüber informieren, dass sie gesundheitliche Dienstleistungen anbieten. Weiterführende Informationen oder Erklärungen sind nach wie vor verboten und es drohen den Ärzt*innen Freiheitsstrafen bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe.

Dr. Kristina Hänel hat sich im vergangen Jahr sehr für dieses Thema und somit für die Selbstbestimmung der Frau eingesetzt und in ihrem Buch Das Politische ist persönlich. Tagebuch einer »Abtreibungsärztin« *fasst sie ihre Prozesse aus ihrer Sicht zusammen und gibt Einblicke in ihre Gefühlswelt. Ein Interview mit ihr findest du hier.

Weil wir unser Können immer erst beweisen müssen

Wenn ein Mann sich auf einen Job bewirbt, wird in der Regel vorausgesetzt, dass er ausreichend qualifiziert für diese Tätigkeit ist. Eine Frau muss sich erklären und beweisen, dass sie was drauf hat. Ist sie dann auch noch jung, schön und erfolgreich, dann wird sie an ihren äußeren Attributen gemessen.

Der Ausschnitt zu tief, der Rock zu gewagt, das Make-up zu kräftig, kein Make-up, die Haare zu blond. Es scheint, dass unser Stil und unser Aussehen nichts persönliches sind, sondern eine Sache von öffentlichem Interesse und im Zweifel von öffentlichem Ärgernis. Das man(n) dich ernst nimmt, muss Frau sich hart erkämpfen. Manchmal ist auch dieser Kampf sinnlos.

Weil wir Frauen uns leider noch immer viel zu oft gegenseitig bekämpfen

Ich habe keine wirkliche Erklärung dafür. Vielleicht ist es der eigene Mangel an Bewusstsein? Das Fehlen von Empathie? Konkurrenzdenken? Der eigene Minderwert?

Wenn ich mich schon von meiner Ich-bin-nicht-gut-genug-Frau in mir verhauen lasse, sie mich gerne auf meine Äußerlichkeiten reduziert: „Du bist zu fett, die Beine zu schwabbelig, die Brust eine Katastrophe …“ Dann liegt es nahe, dass ich bei anderen Frauen auf genau diese Dinge schaue. Nicht um sie zu loben, sondern um sie abzuwerten.

Wenn ich nicht selbstbestimmt und unabhängig lebe, dann sind für mich Frauen, die das tun, vielleicht suspekt und eine Bedrohung?

Weil auch die Männer den Feminismus brauchen

Wenn Feminismus dazu führt, dass ich als Frau nichts mehr von einem Mann annehmen kann, dann ist das Mangel und hat mit Feminismus nichts zu tun.

Wenn Feminismus dazu führt, dass ein Mann sich von Frauen bedroht fühlt, dann führen wir die falsche Diskussion. Es geht schließlich nicht darum, die Unterdrückung umzudrehen! Wir wollen nicht Gleiches mit Gleichem bekämpfen. Feminismus stellt sich nicht über ein anderes Lebewesen, auch nicht über Männer (sorry, der musste sein).

Betrachten (vorzugsweise weiße) Männer ihre priviligierte Stellung in der Gesellschaft ganz neutral, so werden sie erkennen, dass dies nur durch Herabsetzung, Diskriminierung oder Unterdrückung von anderen möglich ist (war). Wie schön wäre es, wenn sie erkennen könnten, dass Feminismus nicht die Umkehr von Unterdrückung ihres Geschlechts bedeutet, sondern eine echte gesellschaftliche Bereicherung.

Es geht um Geschlechtergerechtigkeit, Bewusstsein füreinander und das Anerkennen, dass wir alle Menschen sind. Emma Watson hat 2014 mit ihrer Rede vor den Vereinten Nationen Millionen Menschen berührt. Lassen wir ihren Worten Taten folgen.

Und jetzt bist du dran. Wie stehst du zu diesem Thema? Hau in die Tasten und lass mir einen Kommentar da, indem du vielleicht beschreibst, wie es dir so ergeht? Was sind deine Bedürfnisse und Erlebnisse? Wie wünscht du dir ein Zusammenleben von Mann und Frau in der Gesellschaft?

PS: Hier einige Empfehlungen von mir für dich!

On the Basis of Sex im Originaltitel und Die Berufung mit dem deutschen Kinotitel. (Ich empfehle die Originalfassung, weil die Sprache so herrlich ist)

Fight like a girl* von Clementine Ford

Alte weiße Männer: Ein Schlichtungsversuch* von Sophie Passmann (die schlechten Rezensionen kommen fast ausschließlich von Männern. Ein Schelm der böses dabei denkt. Ich finde das Buch erfrischend und bereichernd, auch wenn ich nicht immer alle Meinungen teile)

Die Wölfinnen: Eine Community, gegründet von Carina Herrmann. Diese Community ist komplett gratis, bedingungslos, ohne irgendwelche Haken und versteckte oder offensichtliche Kosten. Dieses Projekt ist ein Leidenschafts-Projekt von Carina.

Hier ist ihr kleiner Disclaimer dazu:

Diese Community hat den Schwerpunkt auf alle Themen, die ganz besonders Frauen betreffen und schwächen oder stärken, wie z.B.:

Bodypositivity und deren Vorbilder
Berufschancen und Gehaltslücken
Kinderlosigkeit als Frau
Starke weibliche Vorbilder in Politik, Sport, Medien

oder auch viel tiefer gehende Themen wie:

Menschenhandel und Kinderheirat
Mentale Gesundheit
Sexismus in allen offensichtlichen und subtilen Formen
Sexueller Missbrauch, Vergewaltigung und der Schutz davor

Also alle Themen, in denen Frauen klare Nachteile haben und aufgrund ihres Geschlechtes oder ihrer damit verbundenen gesellschaftlichen Stellung häufiger betroffen sind. Und mit „Frauen“ sind hier alle Personen gemeint, die sich selbst als Frau identifizieren.

Es geht dabei aber vor allem um den Gedanken, wie wir dazulernen können, wie wir etwas an vielen dieser Themen verbessern können und wie wir aktiv werden können.

Ich freue mich, wenn wir uns dort treffen. Hier ist dein Anmeldelink.

Foto: Adobe Stock

 

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