Wenn wir ganz ehrlich mit uns sind, dann beginnt der Liebeskummer schon lange vor der Trennung und erreicht mit ihr seinen traurigen Höhepunkt. Es gibt eine Menge Beziehungen mit einem ständig variablen Ablaufdatum, vielleicht sind es sogar die meisten, aber wir kämen nicht im Traum darauf, uns das einzugestehen. Kummer und Leid sind wir doch gewohnt, da macht das bisschen Herzschmerz den Kohl auch nicht mehr fett. Gehört er doch zu jeder Beziehung scheinbar dazu?

Das variable Ablaufdatum ist die ständig vor sich her geschobene Entscheidung, das Zögern davor, für sich selbst einzustehen, und auf seine innere Stimme zu hören. Der laute Selbstzweifel, der aus uns spricht und gemeinsam mit seinem Kumpel, dem Minderwert, seine Spielchen mit uns treibt. Äußere Zwänge, von denen wir glauben, dass sie wirklich existieren, lassen uns an einer Beziehung festhalten, auch dann, wenn sie uns schadet. Wenn es uns schlecht mit ihr geht. Und so beginnt der Liebeskummer meistens schon viel früher, als wir das wahrhaben wollen.

Es geht nicht darum, wie du für jemanden empfindest …

… es geht einzig darum, wie du mit jemanden empfindest. Und der Liebeskummer ist ein gutes Barometer dafür. Dieser Schmerz, zeigt uns sehr schön, wenn etwas nicht stimmt, dass es nicht stimmt. Er meldet sich, wenn du dich um deinen Partner herum nicht genug fühlst, nicht leicht, nicht frei, nicht wertgeschätzt. Bis sich dein Verstand lautstark dazwischen drängt und dir weismachen will, dass es immer mal schlechte Phasen in einer jeden Beziehung gibt. Das man nicht alles haben könne und man doch nicht gleich die Flinte ins Korn schmeißen sollte.

Das habe ich selbst lange Jahre als Ausrede dafür verwendet, zu bleiben. Das wird schon wieder. Das bloße Bleiben und Ausharren in einer Beziehung ist jedoch kein Beweis für eine sehr ausgeprägte Liebesfähigkeit, sondern für eine ausgeprägte Leidensfähigkeit. Außerdem ist es dein Partner und deine Beziehung und was dein ist, soll kein anderer haben und soll dein bleiben. Das fällt uns dann spätestens mit dem Ende der Beziehung auf die Füße, wenn wir fast durchdrehen, weil es für unseren Geschmack zu schnell einen neuen Partner im Leben unseres Ex gibt.

Wenn das Eckige ins Runde passen muss

Unsere Vorstellungen davon, wie eine Beziehung sein sollte und die damit verbundene Idee von Liebe, lässt uns auch eine nichtpassende Beziehung in unser Ideal davon rein quetschen. Wir rennen gegeneinander an, bis es rechts und links splittert und kracht. Und das tun wir so lange, bis wir entweder begreifen, dass jeder er selbst sein darf. Oder bis wir uns unter der Last der Beziehung so sehr verbogen und belogen haben, dass wir uns selbst dabei verlieren und das Eckige ins Runde passt. Ein bisschen Schwund gibt es immer.

Selbst wenn der Schmerz dabei immens ist, er ist uns bekannt, vielleicht sogar lieb geworden. So pervers, wie das auch klingen mag, aber manch eine liebt, wenn auch nur unbewusst, das Drama. Und auch, wenn wir immer mal wieder klare Augenblicke haben, unsere innere Stimme wahrnehmen können, so ist die Angst vor einer Trennung und damit vor einem neuen und unbekannten Schmerz gigantisch. Lieber lassen wir es unseren Selbstwert kosten, fügen uns in unser angebliches Schicksal, als das wir den Mut finden eine Entscheidung für uns zu treffen. Wer aber sagt, dass es schlecht oder gar selbstsüchtig sei, wenn wir für uns selbst einstehen?

Die weise, meist leise innere Stimme

Sie steckt in jeder von uns. Ganz gleich, wie selbstzerstörerisch du dich auch verhältst, sie ist immer da. Sie weiß, was dir guttut, was dich heilt und was nicht. Sie ist weise aber leise und sie lässt dich gewähren, bis du erkennst. Manchmal nimmst du sie wahr, wenn sie mit dir Kontakt aufnimmt und zu dir spricht. In dem Moment, in dem du dir einmal mehr den größten Blödsinn, den heftigsten Verrat, die größte Lüge, den wahnsinnigsten Schmerz, als pures Gold verkaufst. Aus deiner schön gesponnenen Idee von Beziehung einmal mehr eine Geschichte der Liebe machst. Dann flüstert sie dir leise zu: Es tut dir nicht gut. Lass es sein. 

Dummerweise neigen wir eher dazu, uns vor dieser Stimme zu rechtfertigen und glauben lieber an unsere Vorstellung von Liebe und pressen die Beziehung mit aller Macht in diese Vorstellung hinein. Machen uns klein, weil wir es so sehr gewohnt sind unter dem Teppich herzulaufen. Dann werden sie groß unsere Ängste vor der Zukunft alleine, ohne Partner. Das weckt die gute alte Hoffnung, die uns einzureden versucht, dass alles nur halb so schlimm sei und das bessere Zeiten auf uns warten. Und wir wollen glauben. An das Gute. Und sind bereit uns in diesem Schmerz aufzugeben.

Mach dir den Liebeskummer zu deinem Freund

So irrsinnig, wie das jetzt für dich klingen mag, es ist der Kummer, der Schmerz und in ihm auch der Liebeskummer, der uns etwas lehren kann. Wir können den Liebeskummer in Liebe für uns selbst verwandeln. Dann nämlich, wenn du dir erlaubst zu erkennen, dass es deine Ängste vor der Zukunft, die Hoffnung an eine wundersame Verwandlung deines Partners und mit ihr der Beziehung und dein konditionierter Verstand mit all seinen destruktiven Glaubenssätzen sind, die dich am eigenen Wachstum hindern. Wenn du erkennst, das könnte, würde, müsste, hätte und sollte im Spiel sind, um dich an etwas festhalten zu lassen, das dir nicht guttut und das so gar nicht existiert.

Ein Leben mit so vielen Konjunktiven ist ebenso eine Fiktion, wie deine Idee von Liebe und Beziehung. Sobald du bereit bist, dies zu erkennen, wird es seine Macht über dich verlieren. Du wirst den Mut finden, darüber hinaus zu gehen. Es ist nicht das Scheitern und mit ihm das Ende einer Beziehung, welches dich leiden lässt. Es ist dein innerer Widerstand und die Angst vor neuem Schmerz und Trauer.

Und ja, es wird wehtun. Dieser Schmerz vermag dich kurzfristig niederzustrecken, wenn du dich jedoch traust, dich ihm zu öffnen, dann wird er dich erheben.

Sei es dir selbst wert

Auf meinem Weg zu mir selbst, den ich noch immer gehe, waren es immer die Momente der Erkenntnis, die mich haben wachsen lassen. Ich habe auch lange verdrängt, den Schmerz und die Trauer nicht zulassen können und meiner Mauerfrau großzügige Geschenke gemacht, damit sie die Mauer um mein Herz noch höher bauen konnte. Bis ich irgendwann die schmerzhaften Situationen dazu nutzen konnte, mich selbst anzuschauen, als wäre ich außerhalb von mir. Und so sah ich mich. Verletzt, traurig, mich schuldig fühlend, mich in mir selbst versteckend und das schenkte mir neuen Raum.

Raum diese Gefühle wahrzunehmen, wohlwissend, dass ich nicht diese Gefühle bin. Raum, in dem ich nicht bewertete, sondern sein lassen konnte. Und in diesem Raum die Erkenntnis, dass ich so viel mehr bin. Und eines Tages wurde meine Seele laut und fragte mich: Bist du dir so wenig wert, Michaela?

Nein das bin ich nicht, war meine Antwort und mit ihr eine neu erlebte Stärke. Ein neu erlebtes Vertrauen und mit diesem Vertrauen ein neues Gefühl für mich selbst.

Sei es dir selbst wert, du wundervolle Frau. Kämpfe nicht länger gegen dich. Gib deinen inneren Widerstand auf und betrete einen neuen Raum in dir, der frei ist von Urteil und Bewertung. In dem du sein darfst und dir erlaubst, dich zu lieben.

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