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Lass uns über Sex sprechen

Ich bin keine ausgewiesene, bescheinigte oder sonst was Sexpertin. Warum ich mich dennoch als eine fühle und mit dir in diesem Artikel über Sex spreche (etwas anders wahrscheinlich, als du es jetzt denkst)? Ich bin eine Frau. Ich habe Sex. Auch mit mir alleine. Und ich habe mich selbst so viele Jahre lang angelogen, versteckt, verbogen, angepasst, geschämt, nicht getraut, und mit meinen Gedanken selbst gequält, dass ich große Mühe hatte, beim Sex zu entspannen.

Sex lustvoll, selbstverständlich, natürlich und vor allem zu meiner Freude zu haben. Nicht als Pflichterfüllung. Nicht als Dienstleisterin an einem Mann. Sex haben, weil ich Lust habe.

Wann, wo und mit wem ist meine Sache.

Hinzukam, dass ich meine Bedürfnisse viele Jahre meines Lebens an die gängigen Meinungen und Gedanken, Verurteilungen, Beurteilungen von anderen angepasst habe. Diese Zeit ist nun gänzlich vorbei. Warum erst jetzt? Weil ich es genau jetzt kann!

Ich habe entschieden, mit der Selbstverleugnung aufzuhören. Schlimm genug, dass wir von vielen Lügen umgeben sind, nein, wir tischen sie uns täglich selber auf. Das findest du zu hart? Dann lies weiter!

In einer Welt in der alles möglich scheint …

… will man uns doch lieber so haben, wie es für andere angenehm ist. Das lernen wir schon früh. Sehr früh. Mit der Aufnahme in das Bildungssystem (Kindergarten, Schule, Universität, Ausbildung) wird fleißig an unseren Ecken und Kanten geschliffen. Das Problem mit dem Bildungssystem ist, dass es ein System ist. Schließlich muss der Schlüssel ins Schloss passen. Anders gesagt: Wir sollen ins System passen.

Damit das nicht so auffällt, macht man uns glauben, dass wir die Wahl und die Freiheit haben, über uns selbst zu bestimmen. Welch ein Hohn. Es gibt ein spannendes Experiment mit Flöhen, die man in ein Glas gesteckt hat und auf das Glas hat man einen Deckel gelegt. Zu Beginn sind die Flöhe immer wieder mit ihren Köpfen unter den Deckel gestoßen. Weil das vielleicht auch den Flöhen Kopfschmerzen und Unwohlsein bereitet hat, haben sie nach kurzer Zeit ihre Sprunghöhe angepasst, bis sie letztlich nicht mehr mit dem Kopf angestoßen sind. Nun konnte man den Deckel vom Glas nehmen und kein Floh ist mehr auf die Idee gekommen, aus dem Glas springen zu können.

Wir könnten jetzt sagen, die Flöhe sind frei. Sie wissen es nur nicht. Wie sieht das mit uns aus?

Unser Selbstwertgefühl schrumpfen wir auf die Größe eines kleinen Staubmoleküls, damit wir es uns unter dem Teppich so richtig angenehm machen können. Wir steigen in das Karussell von Traurigkeit, Frustration und Wut ein, das sich in unseren Bäuchen dreht. Diese Gefühle verstecken wir hinter einer Fassade von fügsamen Kichern, lässig coolem weiblichen Verhalten, und wir glauben, wir sind frei.

Was hat das jetzt mit Sex zu tun?

Ich hab als Teenager und junge Frau so einiges mit auf den Weg bekommen.

Mit 16 hatte ich meine ersten lustvollen Erfahrungen, kein Sex mit rein-raus und so, sondern ein bisschen Küssen und Fummeln. Weil ich keinen festen Freund hatte, sondern ausprobieren wollte, haben irgendwelche Menschen aus meinem Umfeld nichts Besseres zu tun gehabt, als mich in der Clique als williges, billiges Mädchen darzustellen, die es mit jedem treibt. Das war nicht witzig. Zumal ich überhaupt nicht verstehen wollte, warum man mir das antat.

Für mich war es damals ein Unterschied, ob ich mit jemandem richtig Sex habe oder ob ich nur ein bisschen schaue was geht und meinen Körper ein bisschen kennenlerne. Und selbst wenn ich mit 20 Männern und Frauen sexuelle Erfahrungen gesammelt hätte, es wäre, war und ist noch immer meine Sache. Die Gesellschaft sah das anders und tut es noch heute. Mich hat das damals mit viel Scham erfüllt und die hat mir nicht geholfen.

Mit 17 hatte ich dann meinen ersten „richtigen“ festen Freund. Als ich meinen Vater um seine Erlaubnis bat, eine Nacht bei ihm zu verbringen, schimpfte er mich eine Hure.

Mit 23 Jahren bekam ich mein erstes Kind und weil der leibliche Vater die Vaterschaft nicht anerkannt hat, gab es einen Vaterschaftstest. Der Mitarbeiter vom Jugendamt hielt mir dann einen Vortrag darüber, dass es selbst bei einem Ergebnis von 99 % einer wahrscheinlichen Vaterschaft noch immer 1 % Nichtväter gäbe. Hätte ich zum Beispiel mit 10.000 Männern geschlafen, dann wären es immerhin 100 Nichtväter. Das ist jetzt übrigens kein Scherz. Warum er mir das mit auf den Weg geben wollte, weiß ich bis heute nicht.

Ich habe ihm dann lediglich erklärt, dass, wenn ich mit 10.000 Männern geschlafen hätte, ich sicher ein Business daraus gemacht hätte und dann nicht auf Unterhaltszahlungen angewiesen wäre.

Männer sind Hengste und Frauen sind Huren

Das war schon früher so und ich glaube nicht, dass sich das heute in den Köpfen der Menschen sehr geändert hat. Man sollte meinen, dass wir zumindest in Deutschland aufgeklärter sind wie nie zuvor. Das Internet hält eine schier unfassbare Menge an Beiträgen zum Thema Sex für uns bereit. Google schmeißt auf den Suchbegriff „Sex“ 4.430.000.000 Ergebnisse raus. Puuuuh.

Dennoch scheint mir das ein wenig so, wie mit dem lustigen Wunsch von Unternehmen nach dem perfekten Arbeitnehmer. Am besten Anfang 20 mit 25 Jahren Berufserfahrung. Vielleicht wäre ja eine 20-jährige Jungfrau mit Erfahrung gesellschaftlich anerkannt? Ich weiß es nicht.

Mich haben jedenfalls meine persönlichen Erlebnisse verunsichert. Einen offenen und vor allem ehrlichen Austausch zu diesem Thema habe ich nicht erfahren. Darüber hat man – und Frau auch – nicht gesprochen. Heute glauben wir noch immer, wir müssen gar nicht offen darüber sprechen, weil wir es überall lesen oder Videos dazu schauen können. Ob uns das hilft ehrlich mit uns zu sein?

Eines macht es in meinen Augen aber mit uns. Wir vergleichen uns jetzt auch in allen sexuellen Belangen mit anderen. Yeah! Sex-Apps sollen angeblich unser Liebesleben verbessern und bis wir soweit sind, also guten Sex haben, tun wir einfach so. Es lebe der vorgetäuschte Orgasmus. Ich behaupte von mir selbst, dass ich Profi darin war. Niemand hat mich besser belogen, als ich mich selbst.

Als der Mensch zum (Selbst-)Darsteller wurde

24/7 – Tag und Nacht. Jeden Tag. Immer. Vielleicht werden irgendwann die Babys schon bei der Geburt mit ihrem eigenen Smartphone auf diese Welt kommen. Das erste Selfie im Mutterleib schon in der Foto-App, bereit zum Teilen. Sei mir dieser kleine Ausflug in ein Zukunftsszenario gegönnt.

Ich werde dieses Gefühl nicht los, dass wir mehr denn jemals zuvor einem inneren Zwang nachkommen uns perfekt darstellen zu müssen. Äußerlichkeiten sind wichtig. Was die meisten dabei übersehen oder erst gar nicht erkennen: Dein Wert hat nichts mit deinem Körper zu tun, deiner Karriere, oder wie viel Geld du auf deinem Konto hast.

Sprechen wir über unseren Körper

Es wird viel Lärm über Gesundheit und Körpermaße gemacht. Als ob der wahre Grund, warum sich Menschen für berechtigt halten, andere Menschen wegen ihrer Körper zu beschämen, aus der Sorge um ihr Wohlergehen bestünde. Weißt du, was nicht gesund ist? Mit dir selbst im Kampf zu sein.

Dich selbst nicht zu mögen ist nicht gesund. Auf andere Menschen herabzuschauen, andere Körper zu bewerten, zu verurteilen und sich mit diesen zu vergleichen, ist nicht gesund. Dich selbst in etwas hineinzupressen, um den allgemeinen Körperidealen einer kranken Gesellschaft zu entsprechen, ist nicht gesund. Beim Sex daran zu denken, ob dein Körper schön genug ist, ist nicht gesund.

Ein angeblich unperfekter Körper ist nicht ansteckend. Das einzige, was ansteckend ist, ist die Versuchung, das Urteilen, Bewerten und Verurteilen zu einem völlig normalen Verhalten zu machen und es zu einem Symbol für Wertigkeit zu machen. Wir müssen aufhören, uns mit unseren Gedanken zu vergiften. Und beginnen ein neues Bewusstsein zu schaffen für das, was wir sind. Menschen. Von unterschiedlicher Herkunft, mit verschiedenen Körpern. Alle mit einer Seele und einem Herzen. Jeder auf seine Art einzigartig.

Lass uns damit beginnen ein neues Gefühl dafür zu entwickeln, was es bedeutet, gut genug zu sein. Was es bedeutet unterschiedlich zu sein. Vielfältig zu sein. Wertvoll zu sein. Wir müssen beginnen unseren Kindern zu erzählen, dass sie genug sind. Und unseren kleinen Mädchen, jungen Frauen und Frauen jeden Alters müssen wir erzählen, dass ihre Körper nicht dafür da sind, von anderen betrachtet und bewertet zu werden. Dass sie ihre Körper haben, um sie zu benutzen und darin zu sein. Dass es gut ist, sich in seinem Körper sicher zu fühlen, weil es das Haus für ihre Seele und das Herz ist.

Nichts ist falsch an deinem Körper!

So ziemlich alles, was wir wertschätzen, wird für uns von einer externen Quelle entschieden, die uns entweder kontrollieren oder mit uns Geld verdienen will und sehr oft beide Dinge zusammen haben möchte. Es ist erstaunlich, wie wir es Unternehmen erlauben, uns zu sagen, wie unzureichend wir sind, während wir dankbar ihren Müll mit einem Löffel in uns hineinschieben. Und unseren Kummer dann gleich hinterher. Runterschlucken und Lächeln.

Es ist erschreckend, wie wir es anderen Menschen erlauben, uns zu sagen, wann wir eine gute Frau sind, während wir weiterhin so tun, als seien sie unsere Freunde und meinten es gut mit uns. Frauen werden immer noch über ihr Äußeres definiert. Einen großen Teil tragen wir selbst dazu bei. Ich empfinde es immer wieder erschreckend, wie niederträchtig manchmal Frauen anderen Frauen begegnen. Wir haben es selbst in der Hand.

Nichts tut mehr weh, als zu erkennen, dass du mit deinem Schweigen und stummen Ertragen selbst verantwortlich bist für deine Schuldgefühle, deinen Minderwert und deine mangelnde Selbstliebe. Und nichts fühlt sich besser an, als deine eigene Stimme zu erheben und für dich einzustehen. Lass uns selbst mit Liebe begegnen und uns gegenseitig stärken. Scham, Neid und Selbstverleugnung werden uns nicht weiterbringen.

Weibliche Sexualität

Sie wird noch immer abgewertet. Auch von Frauen selbst. Irgendetwas läuft gänzlich schief in einer Welt, in der es okay ist, die Kontrolle der weiblichen Sexualität zum Fachgebiet eines jeden zu machen, außer der Frau, die es betrifft. Es ist wichtig, dass wir uns darüber bewusst werden und die Männer ebenso.

Jetzt ist die Zeit gekommen, wo wir Frauen stark genug sind, um den Signalen, die unser Körper und unser Herz uns senden, zu vertrauen. Es ist an der Zeit, dass wir miteinander reden. Lass uns über Sex reden. Lass uns darüber sprechen, wie sich das für uns anfühlt. Welche Ängste wir haben. Welche Bedürfnisse wir haben.

Miteinander reden und nicht im stillen Kämmerlein kaputt denken. Mach den Anfang und lass mir deinen Kommentar hier.

Foto: Pixabay

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