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Dies ist ein Gastartikel von Rosina Geltinger – Heilpraktikerin für Psychotherapie

Und dann gibt’s immer mal wieder Situationen, wo ich mich total klein fühle. Dann ich hab das Gefühl, dass alle anderen besser sind als ich. Dass ich das eh nicht kann. Dass ich nicht gut genug bin.

Das geht sogar so weit, dass ich mir oft denke, mein Freund hat eigentlich eine bessere Frau verdient. Obwohl wir glücklich sind.

Das hatte ich auch, als ich Single war. Da war ich überzeugt, dass ich eh keinen abbekommen, weil es viel tollere Frauen gibt als mich.

Und während ich das so erzähle, schäme ich mich total. Denn eigentlich geht’s mir ja gut. Ich hab das Gefühl, ich jammere auf hohem Niveau, und ich dürfte diese Gefühle gar nicht haben. Ich hab sie aber.

Mit diesen Worten begann Stephanie* ihre erste Sitzung. Ihr innerer Konflikt und die Anspannung waren so groß, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Die Luft war zum schneiden in diesen paar Sekunden, in denen sie gespannt auf meine Reaktion wartete:

„Ich kenne diese Gefühle sehr gut. Und weißt du was: Damit bist du nicht alleine. Ich kenne viele Frauen, die sich täglich mit genau solchen Gedanken und Gefühlen quälen.“

Puuuuuhhhhh, was für eine Erleichterung. Ich konnte den Fels hören, der ihr gerade vom Herz gefallen ist.

An alle Frauen, die sich kleiner machen als sie sind

Stephanie ist kein Einzelfall. So viele Frauen quälen sich tagtäglich mit genau diesen Gefühlen und Gedanken. Die oft dazu führen, dass wir uns unnötig kleinmachen.

Das Gefühl des „sich Kleinmachens“ ist pures Gift. Es vergiftet unser Leben, unsere Lebendigkeit und unsere Lebensfreude.

Wenn wir uns kleinmachen …

… werden uns auch andere als klein wahrnehmen, und uns entsprechend behandeln.

… leben wir das unseren Mitmenschen und Kindern vor, die das klein machen dadurch als ganz normal empfinden.

… können wir uns selbst nicht von Herzen lieben und wertschätzen.

Von glücklich sein, Spaß am Leben zu haben und ein erfülltes Leben zu führen mal ganz abgesehen.

Stephanie hat das gespürt.

Sie hat gespürt, dass diese Gedanken und Gefühle destruktiv sind und ihr die Freude am Leben rauben. Sie wusste intuitiv, dass hier der Schlüssel liegt, um endlich wieder unbeschwert und zufrieden leben zu können.

Aber sie hatte keinen Schimmer, wie sie das ändern könnte. Deshalb kam sie in meine Praxis. Um gut arbeiten zu können, ist es erst mal wichtig herauszufinden, wo diese Gefühle bei Stephanie herkommen.

Was ist die Ursache dafür, dass Stephanie sich kleinmacht?

Sich selbst kleinmachen hat oft seinen Ursprung in der frühen Kindheit. Meist liegt das Gefühl „nicht gut genug zu sein“ dahinter. Deshalb habe ich mich mit Stephanie gemeinsam auf eine Ursachen-Reise begeben.

Stephanie erzählte mir von ihrer Kindheit. Die war schön und unbeschwert. Sie hatte ein enges Verhältnis mit ihrer Mutter. Auch zu ihrem Vater hatte sie ein gutes Verhältnis. Er war zwar nicht so oft anwesend, weil er viel gearbeitet hat. Er war streng, aber sie hat die Zeit mit ihm zusammen immer sehr genossen.

„Also in meiner Kindheit liegt der Ursprung bestimmt nicht“, ist sich Stephanie sicher.

Sie klingt sehr überzeugend, aber trotzdem habe ich den Impuls hier tiefer nachzuhaken. Relativ schnell kommt dann zum Vorschein, dass ihre Mutter eine ziemliche Perfektionistin ist.

Diesen Perfektionismus hat sie auch von ihren Kindern erwartet. Wenn Stephanie etwas nicht so gemacht hat, wie ihre Mutter das wollte, sind regelmäßig Sätze wie:“Das hast Du falsch gemacht.“ „Das ist nicht richtig, lasst es am besten gleich sein.“ “Das kannst du nicht.“, gefallen.

Je mehr Stephanie darüber nachdenkt, desto bewusster wird ihr, dass es solche Aussagen ständig gab.

Der WOW-Moment

Plötzlich hatte Stephanie einen WOW-Moment. Ihre Augen waren weit geöffnet, ihre ganze Mimik war plötzlich anders. Als wäre ihr gerade ein Licht aufgegangen.

„Wenn ich dauernd solche Sätze gehört habe, ist es ja eigentlich kein Wunder, dass ich ständig denke, dass ich nicht gut genug bin. Und dass ich mich immer kleinmache, passt da ja auch total dazu.“

Für Stephanie eröffnet sich gerade eine ganz neue Sichtweise. Ich kann an ihrer Körperhaltung, Mimik und Gestik spüren, wie sehr sie alleine dieses Wissen schon entlastet.

Nachdem wir noch darüber gesprochen haben, dass ihre Mutter ihr das Leben bestimmt nicht absichtlich schwer machen wollte, sondern ihr Perfektionismus dafür gesorgt hat, war noch viel mehr Erleichterung in Stephanies Gesicht zu erkennen.

In einem nächsten Schritt ging es jetzt darum, diese alt eingeprägten Muster und Verhaltensweisen aufzulösen und zu verändern.

Als ersten praktischen Tipp für den Alltag habe ich Stephanie mitgegeben, dieses Gefühl mal ganz bewusst zu beobachten.

1. Bewusstmachung

Wie oft handelst und agierst du aus dem Gefühl heraus, nicht gut genug zu sein? Wenn du dich kleinmachst, welches Gefühl steckt da dahinter? Wie oft machst du dich im Alltag kleiner als du bist? Wie oft steckst du zurück?

Ganz oft ist es so, dass sich solche Dynamiken über die Zeit automatisieren. Wir nehmen dann nicht mehr wahr, wenn unser Handeln, Fühlen und Denken davon motiviert und angetrieben ist. Ein Teil von dieser unbewussten Dynamik kann tatsächlich durch Bewusstmachung bereits entmachtet werden.

Ich bat Stephanie hier ganz achtsam und ehrlich zu sich selbst zu sein, um zu beobachten, wie oft diese Gedanken ihren Alltag beeinflussen. Stephanie war sehr überrascht, als ihr bewusst wurde, wie sehr das „sich kleinmachen“ ihr Leben dominiert. Das hätte sie nicht gedacht.

Erst mal war das echt ein Schock für sie, da es sich einfach nicht gut anfühlt, wenn man sich selbst so nieder macht.

Dieser Schock ist aber relativ schnell verflogen. Sie begann liebevoller und empathischer mit sich umgehen. Außerdem konnte sie sich selbst besser verstehen. Und Dinge, die sie in der Vergangenheit getan hat, konnte sie jetzt besser nachvollziehen. Alleine das hat ihr schon Entlastung im Alltag gebracht.

 

2. Entkoppeln

Danach haben wir das Gefühl von der Realität entkoppelt. Stephanie wusste ja jetzt, dass dies ein altes Gefühl ist. Dadurch war klar, dass wenn sich diese Gefühle melden, dass nichts mit der aktuellen Situation zu tun hat.

Ein altes Gefühl meldet sich, das mit dem Hier und Jetzt nicht in Verbindung steht. Stephanie konnte das sehr gut entkoppeln, indem sie sich dies einfach innerlich vor gesagt hat.

Immer wenn sich diese Dynamik gezeigt hat, hat sie innerlich zu sich gesagt: „Ja, hier ist wieder der Impuls mich kleiner machen zu wollen. Ist ja interessant, dass er sich gerade jetzt zeigt. Das hat aber mit der jetzigen Situation überhaupt nichts zu tun. Ich nehme den Impuls und die Gefühle wahr, aber ich lasse dadurch meine jetzige Situation nicht beeinflussen.“

Das hat sie ein paarmal ganz ausführlich gemacht, aber recht schnell hat ihr alleine die Bewusstwerdung gereicht. Dann musste sie sich den Entkopplung-Satz gar nicht mehr vor sagen.

An der Stelle ging es Stephanie schon bedeutend besser. Sie hat ein besseres Gefühl für sich selbst und ihr Innenleben entwickelt, das ihr mehr innere Ruhe und Zufriedenheit verschaffte. Voller Stolz erzählt sie mir nach ein paar Wochen, dass die Situationen in denen sie sich kleinmacht immer seltener werden.

3. Was wäre wenn?

Walt Disney hat einmal sinngemäß gesagt: „Nur das was wir uns vorstellen können, kann auch wirklich Realität werden“.

Da stimme ich ihm zu 100 % zu. Deshalb habe ich auch mit Stephanie noch visualisiert, wie es sich anfühlen würde, wenn sie sich nicht mehr kleiner macht.

Wie würde es sich anfühlen, wenn sie einfach sie selbst ist. Nicht kleiner und nicht größer. Sondern sie selbst in ihrer ganzen Größe und Kraft.

Wo in deinem Körper würdest du es spüren? Wie fühlt sich dieses Gefühl genau an? Ist es ein luftiges Gefühl? Wärmer als der Rest des Körpers? Welche Farbe hat dieses Gefühl?

Ich habe Stephanie ganz tief in dieses Wohlgefühl eintauchen lassen. Sie konnte es gut im Körper spüren und lokalisieren. Durch das Verankern mit der Farbe konnte sie sich dieses Gefühl immer mehr im Alltag herholen und spüren. Sie kam immer entspannter und mit einem zauberhaften Lächeln in die Praxis, da es ihr immer und immer besser ging.

Ihr ganzes Leben hat sich zum Positiven geändert, da sie sich viel seltener kleinmachte, weniger an sich selbst zweifelte, und das Leben insgesamt entspannter und mit mehr Lebensfreude annehmen konnte.

Natürlich gab es auch immer mal wieder Tage, an denen es ihr nicht so gut ging oder sie auch Selbstzweifel hatte. Aber das ist völlig normal, und gehört zum Leben auch dazu.

Vielleicht geht es dir auch manchmal so wie Stephanie, dann möchte ich Dich ganz herzlich einladen, die einzelnen Punkte einfach selbst mal auszuprobieren.

Natürlich habe ich auch mit Stephanie noch anders gearbeitet, deshalb verzweifle bitte nicht, wenn du nicht innerhalb kürzester Zeit dasselbe Ergebnis erreichst.

Solche tiefen Veränderungen brauchen einfach seine Zeit. Deshalb ist es auf diesem Weg wichtig, dass du liebevoll und geduldig mit dir umgehst.

Alles Liebe für dich,
Rosina

Über Rosina und ihre Arbeit:

Rosina liebt es, die Wege der Seele zu ergründen. Denn sie ist überzeugt, dass der Schlüssel zum Glück nur in uns liegt. Je tiefer und besser wir uns selbst kennen und verstehen, desto glücklicher und zufriedener können wir sein.

Dazu arbeitet sie mit ihren Klienten online und offline in ihrer Praxis in München und bloggt rund um die Themen Selbstwertgefühl, Lebensfreude und innere Ruhe. Und alles was dazu gehört. Rosina Geltinger

Heilpraktikerin für Psychotherapie

* Der Name wurde geändert. Und die Klientin hat die Zustimmung gegeben, diesen Gesprächsteil zu veröffentlichen.

Foto: Pixabay

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