Nicht erfüllte Erwartungen schmerzen

Sie pflastern fast täglich unseren Weg, lassen uns traurig, wütend oder hoffnungslos sein. Die nicht erfüllten Erwartungen füttern unseren Minderwert, wie ein Vogel sein Junges füttert. Das Futter wird direkt in den Schlund gestopft und für Nachschub ist immer ausreichend gesorgt. Mit den Erwartungen ist das genauso. Mit dem einen, kleinen, feinen Unterschied: wir stopfen sie uns selbst in den Hals und mit ihnen das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Wir scheinen es ja nicht einmal wert zu sein, dass wir bekommen, wonach wir uns so sehr sehnen – Liebe. Denn nur darum geht es. Ich will geliebt werden – du willst geliebt werden. Und dafür sind wir ernsthaft bereit, uns selbst ständig zu verraten und zu verbiegen. Dein Herzchen wird zu einem Kummerkasten und es flattern täglich neue Botschaften über dein eigenes Unvermögen herein.

Erwartungen entspringen unserer Vorstellungskraft

Selbstsucht bedeutet nicht, zu leben wie man es wünscht, sondern von anderen verlangen, dass sie leben, wie man es erwartet.
– Oscar Wilde

Wir erzählen uns eine Geschichte und wir erzählen sie uns täglich aufs Neue. Wenn ich es mir so recht überlege, dann schreibt jeder Mensch im Laufe seines Lebens sein eigenes Märchenband – mehrteilig versteht sich. Ich weiß nicht, wie viele du schon geschrieben hast, bei mir jedenfalls ist eine ganze Menge zusammengekommen. Ich bin es lange zeit meines Lebens nicht müde geworden, neue Kapitel zu schreiben.

An eines erinnere ich mich jetzt gerade und ich teile es hier mit dir. Es war der 24. Juni 2012, unser achtzehnter Hochzeitstag. Mein Mann hatte häufig den Hochzeitstag vergessen und so hatte ich es damals auch erwartet. Ich war mir sehr sicher, dass er nicht daran denken würde. Dieses Mal sollte er nicht so einfach davon kommen.

Weil ich es satthatte, immer vergessen zu werden (denn so fühlte es sich an) habe ich ihn aus irgendwelchen scheinheiligen Gründen dazu überredet, sich mittags mit mir und unserer Tochter in der Stadt zum Essen zu treffen. Er hat sich dabei gar nichts gedacht. Ich hatte einen Tisch bestellt, eine Rose und ein Geschenk gekauft (beides hätte ich gerne von ihm geschenkt bekommen) und im Restaurant auf ihn gewartet.

Rückblickend muss ich sagen:

Ich wollte ihn nicht überraschen, ich wollte ihn demütigen.

Das ist mir auch tatsächlich gelungen und ich hatte ja sogar noch einen Zeugen dafür auserkoren, unsere Tochter. Ich habe mich einige Zeit dafür gefeiert, weil ich mir das Motiv für mein Handeln einfach anders erklärt habe. Ich hatte schließlich tausend gute Gründe, ihn zu beschämen. Hatte er nicht so viele meiner Erwartungen an ihn nicht erfüllt? Wirklich verändert hat das an unserer Ehe nichts, obwohl ja genau das mein Wunsch war. Aber, wie hätte es das auch können? Es waren meine Erwartungen und ich war in ihnen gefangen, nicht fähig sie als solches zu erkennen und auch nicht fähig, meine Erwartungen zu formulieren.

In den eigenen Erwartungen gefangen

Unsere Vorstellung von Leben wird von besonderen Erwartungen genährt. Das umfasst nicht nur die besonderen Erwartungen an alles, was sich außerhalb von uns befindet (Menschen und Dinge), sondern auch von besonderen Erwartungen, die wir an uns selber stellen und an unsere Beziehungen. Und damit machen wir uns total abhängig von allem, was uns umgibt und erkennen nicht, wer wir sind.

Erwartungen sind ausgedachte Wunschvorstellungen, sie sind Illusionen, die wir uns machen oder die jemand anderes auf uns projiziert und wir agieren sie dann aus.

Wir sind gefangen in unseren Gedanken darüber, wie etwas sein sollte. Ein Gedanke jedoch, der aus deinem logischen Verstand kommt, kann dich niemals erfüllen, weil das nicht sein Zweck und sein Ziel ist. Wir suchen Erlösung und Erfüllung in ihnen und merken gar nicht, wie sehr wir uns in ihnen selbst gefangen halten. So führen wir eine Menge an besonderen Beziehungen.

Was ist eine besondere Beziehung?

Alles ist (besondere) Beziehung, solange wir in unseren Erwartungen, Bewertungen und Urteilen über sie feststecken. Eine besondere

Beziehung pflegen wir so zu allem, mit dem wir uns umgeben. Zu Menschen ebenso, wie zu Dingen. Besondere Beziehungen sind von Besitzdenken geprägt, wir erkennen sie nur in den meisten Fällen nicht als solches.

Wenn wir uns etwas kaufen, dann ist damit häufig die Erwartung verbunden, es möge uns glücklich machen und Freude schenken. Und so lernen wir Freude meistens nur als kurzfristigen Zustand kennen, denn der Zauber verfliegt so schnell. Gleiches übertragen wir ebenso häufig auf unsere Partnerschaften. Wir wählen einen Partner aus, weil er uns glücklich und vollständig machen soll.

Wie aber sollte uns etwas, das außerhalb von uns ist dauerhaft glücklich machen können oder gar vollständig. Wie sollte auch nur irgendetwas in der Lage sein, unser großes schwarzes Loch, unseren Mangel an Selbstliebe, auszufüllen?

Erwartest auch du viel von deinen Kollegen, Freunden, Familienmitgliedern, Kindern und von deinem Partner und wirst du wieder und wieder und wieder enttäuscht? Dann ist vielleicht jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, weniger mit  hart mit deinen Mitmenschen ins Gericht zu gehen und dir deine eigenen Erwartungen an sie anzuschauen. Lass uns gemeinsam einige davon unter die Lupe nehmen.

#1 Die Erwartung: andere sollen dich glücklich machen

Von dieser Erwartung sind häufig unsere Partnerschaften betroffen. Weil wir uns unvollständig fühlen, glauben wir, dass jemand anderes unser großes Loch stopfen könnte. Gerne knüpfen wir das an Bedingungen. Wenn er/sie dies oder jenes für mich tut, dann bin ich glücklich. Und da wir schon einmal in dieses Wenn-Dann-Spiel eingestiegen sind, lassen wir uns davon auffressen. Teil des Wenn-Dann-Spiels ist es, dass du erwartest, dass andere deine Gedanken lesen können und das ist schlicht und ergreifend nicht möglich. Dieses Spiel spuckt also nur Verlierer aus, es gibt keine Chance – für niemanden – hier zu gewinnen.

Es gibt nichts außerhalb von dir, was dir dauerhaftes Glück und innere Freude schaffen kann. Du wirst nie zufrieden sein, weil das eigentliche Problem nicht beseitigt wird. Dein Mangel an Selbstliebe und dein damit verbundenes Gefühl, nicht gut genug zu sein. Der Schlüssel zum Glück steckt von innen und ich weiß, dass auch du ihn finden kannst. Verbringe weniger Zeit damit, dich darum zu kümmern anderen zu gefallen und nimm dir regelmäßig Zeit für dich alleine.

Lerne deine eigenen Bedürfnisse kennen und höre auf dich immer hinten anzustellen.

#2 Die Erwartung: du willst Anerkennung und Bestätigung

Findest du, dass ich gut aussehe? Steht mir das? Das habe ich doch richtig gemacht, oder? Das war doch in Ordnung, dass ich das so gesagt habe, oder? Hättest du das nicht genauso getan? Liebst du mich? Das ist nur ein kleiner Auszug aus meinen eigenen elenden Versuchen, Bestätigung zu bekommen, um mein schwarzes Loch zu beseitigen.

Wir suchen Bestätigung und Anerkennung für unser Aussehen, unsere Leistungen und unsere Entscheidungen. Letztendlich dafür, dass unser Weg der richtige ist. Wir scheinen uns so wenig zu vertrauen, dass wir häufig in einer richtigen Abhängigkeitsspirale feststecken und nur allzu gerne bereit sind, uns nach allen Seiten zu verbiegen. Hauptsache wir finden Bestätigung. Was tatsächlich passiert? Du verlierst dich selbst.

#3 Die Erwartung: lieb mich

Jeder Mensch will Liebe. Ich auch. Nur suchen wir eben diese Liebe auch außerhalb von uns und sind selbst selten in der Lage, Liebe für uns selbst zu empfinden. Selbstliebe hilft dir jedoch dabei, deine Sichtweise auf die Dinge zu verändern. Du darfst die Strenge dir selbst gegenüber loslassen und lernen dich anzunehmen, wie du bist.

Wir haben häufig eine falsche Vorstellung von Liebe, denn wir knüpfen sie nicht nur an Erwartungen, sondern an eine Reihe von Bedingungen. Liebe jedoch ist in sich vollständig. Liebe ist bedingungslos und urteilt nicht. Ich glaube, dass Liebe eines der größten zwischenmenschlichen Missverständnisse ist, das es gibt. Wahrhaftige Liebe besitzt nicht und wird nicht besessen. Wahrhaftige Liebe ist.

Die Liebe, wie sie hier von den meisten Menschen verstanden und gelebt wird, glaubt besitzen zu können und kommt mit einer ganzen Horde Ansprüchen daher und macht Angst. Zum Beispiel Angst, zu verlieren oder Angst, nicht gut genug zu sein. Glaube mir, das ist keine Liebe. Du wirst die wahrhaftige Liebe nicht finden, wenn du die Angst an deiner Seite hast.  

Wie du deine Erwartungen loslassen kannst

Sei ehrlich mit dir selbst und glaube vor allem nicht all diese Geschichten, die du dir selbst über dich erzählst. Du bist bereits vollständig in der eigenen geglaubten Unvollständigkeit.

Pssst …, ich habe ein Geheimnis! 

Ich habe jahrelang nach dem Sinn des Lebens gesucht. Mein Glück gesucht. Versucht mich selbst zu optimieren, große Meister studiert, gelernt, ausprobiert, nachgeeifert und bin dabei oft nur eine Kopie von … gewesen.

Dabei habe ich mich viel zu lange nicht getraut, meinen eigenen Weg zu gehen. Mein Gefühl, oder besser gesagt mein gefühlter Verstand, sagte mir, dass ich nicht gut genug war. Nie!

Die Menschen erwarten etwas Besseres. Ich erwartete etwas Besseres von mir. So saß ich in einer Falle und konnte den Ausgang nicht finden. Ich hatte Angst. Angst davor, loszulassen. Angst vor Veränderung. Angst vor dem, was kommen könnte. Angst vor mir selbst, vor meiner wahren Größe.

Was ich heute weiß ist,

dass Loslassen keine Zauberformel benötigt, aber das Achtsamkeit dir hilft, auf deinem Weg nach dorthin, wo du hinwillst, die Steine aus dem Weg räumen. Was ich mir mit meinem achtsamen Weg ermöglicht habe, ist bedingungslose Selbstliebe und Bewusstsein.

Wie sich dadurch mein Leben verändert hat und was ich erreicht habe:

  • unkaputtbaren inneren Frieden
  • einen unerschütterlichen Glauben an mich selbst und meine innere Stärke
  • mein seelisches Gleichgewicht
  • Harmonie in meiner Gedankenwelt
  • meine Träume erfüllen sich, einer nach dem anderen
  • liebevolle Beziehungen
  • Ich habe den Job, den ich liebe

Von wem erwartest du zu viel – welche Erwartungen könntest du loslassen, damit es dir besser geht?

Photo: Fotolia

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